Johanna Rachinger: Wie Bücher und Zahlen sie an die Spitze der Nationalbibliothek führten

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Johanna Rachinger im Podcast Nonna: Restart mit Carina Felzmann

Auf einen Blick

Johanna Rachinger fand ihren Weg an die Spitze der Österreichischen Nationalbibliothek über Bücher und ein gutes Gespür für Zahlen. Berufung nennt sie das nicht. Im Podcast-Interview „Nonna: Restart!“ spricht die damalige Generaldirektorin mit Carina Felzmann über berufliche Unabhängigkeit, Frauen in Führung und ihren damals geplanten Abschied – und über ein Lexikon neben den Schnapsflaschen.

Inhalt dieser Folge
  1. „Berufung würde ich nicht sagen“
  2. Bücher und Zahlen: vom Frauenverlag zur Nationalbibliothek
  3. Das Lexikon neben den Schnapsflaschen
  4. „Bei gleicher Qualifikation immer die Frau“
  5. „Ich muss gar nichts“
  6. Schutzmauern oder Windmühlen

„Berufung würde ich nicht sagen“

Johanna Rachinger arbeitete zum Zeitpunkt des Gesprächs noch sehr gerne an der Nationalbibliothek. Dass sie einmal dort an der Spitze stehen würde, hatte sie als junge Frau aber nicht vorausgesehen:

„Das hat sich immer ergeben. Man macht etwas, und dann kommt etwas anderes, dann wird man angesprochen oder motiviert, sich irgendwo zu bewerben oder eine neue Aufgabe zu übernehmen.“

Johanna Rachinger

Ihr Antrieb war, finanziell unabhängig zu sein und Freude an der Arbeit zu haben. Den Wunsch nach Unabhängigkeit verbindet sie mit ihrer feministischen Prägung. Bücher waren dabei schon früh ein roter Faden.

Bücher und Zahlen: vom Frauenverlag zur Nationalbibliothek

Nach dem Studium sollte ihr Beruf etwas mit Büchern zu tun haben. Ihre erste Station war der Wiener Frauenverlag, gegründet, um Bücher von Frauen und vor allem für Frauen zu machen. In dem kleinen Verlag machte sie alles, vom Lektorat bis zur Öffentlichkeitsarbeit; 1986 wurde in der Früh noch mit Holz und Kohlen eingeheizt. Besonders stürzte sie sich auf die Buchhaltung.

Über das Österreichische Bibliothekswerk in Salzburg kam sie zum Ueberreuter Verlag in Wien. Nach zweieinhalb Jahren wurde sie dort Geschäftsführerin, mit 35. Führung habe sie erst lernen müssen. Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam mit einem Team Ziele zu erreichen, machte ihr dennoch Freude.

Ihr Vorteil war ein Gespür, das sie schon in der Handelsakademie zeigte:

„Ich merke mir Zahlen, ich erkenne sofort, wo der Hund drinnen ist oder wenn da irgendwas nicht stimmt oder falsch addiert ist.“

Johanna Rachinger

Bei Ueberreuter verband sie die Arbeit mit Büchern mit wirtschaftlichen Fragen: Wer kauft sie, wie werden sie vertrieben und welche Märkte lassen sich erschließen? Diese Verbindung reizte sie auch an der Nationalbibliothek. Durch die Ausgliederung aus der Bundesverwaltung sollte das Haus mehr Gestaltungsspielraum erhalten. Einen solchen Spielraum kannte sie aus der Privatwirtschaft.

Das Lexikon neben den Schnapsflaschen

Ihre Nähe zu Büchern führt Johanna Rachinger auf die Kindheit im Gasthaus ihrer Eltern zurück. Sie wuchs im Mühlviertel mit sechs Geschwistern auf und half im Betrieb mit. Dort lernte sie auch, mit Gästen ins Gespräch zu kommen – eine Erfahrung, die ihr später im Beruf half.

Gelesen wurde in der Familie viel, die Bücher kamen aus der Pfarrbücherei. In der Gaststube stand hinter Glas, neben den Schnapsflaschen, Meyers Lexikon in 24 Bänden. Waren sich die Gäste am Stammtisch uneinig, sagte ihr Vater: „Na warte, da schauen wir kurz im Lexikon nach.“ Daran habe sie gemerkt, „dass man aus Büchern schlau wird“.

Zum Lesen kamen Theater im Wirtshaussaal, ein fahrendes Kino und ein Kirchenchor, der Mozartmessen sang. Diese Nähe zur Kultur führte sie nach der Handelsakademie zum Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften.

„Bei gleicher Qualifikation immer die Frau“

Frauenthemen waren Johanna Rachinger immer wichtig. Als sie zu arbeiten begann, war es noch nicht selbstverständlich, dass Frauen Führungspositionen erreichten oder Vollzeit arbeiteten. Welche Hürden es gab, zeigt die Geschichte einer Freundin in einer Führungsposition: Musste sie ein Meeting um 17 Uhr absagen, um ihren kleinen Sohn vom Kindergarten abzuholen, riet ihr jemand, stattdessen zu sagen, sie müsse das Auto abholen. Das sei tatsächlich auf mehr Verständnis gestoßen.

Als Führungskraft förderte Johanna Rachinger Frauen bewusst. Bei gleicher Qualifikation gab sie ihnen den Vorzug; war ein Mann besser qualifiziert, bekam er die Stelle. Gut qualifizierte Bewerberinnen habe es viele gegeben. Nach ihrer Angabe waren zum Zeitpunkt des Gesprächs fast 50 Prozent der Führungspositionen an der Nationalbibliothek mit Frauen besetzt. Bewusst hinzuschauen und zu fördern, machte für sie den Unterschied.

„Ich muss gar nichts“

Zum Zeitpunkt des Gesprächs war geplant, dass Johanna Rachinger Ende 2026 aufhört; ihr letzter Tag sollte der 31. Dezember 2026 sein. Bis dahin, sagt sie, sei sie noch ganz in ihrem Beruf verankert. Die Frage, was danach komme, werde ihr von vielen Menschen gestellt. Carina Felzmann fragt nach dem „Ruf des Abenteuers“.

Eine fertige Antwort gibt Johanna Rachinger nicht. Sie kennt Freunde, die nach der Pension in kleinerem Umfang weiterarbeiten, andere, die etwas ganz anderes machen, und solche, die einfach das Leben genießen. Für sich selbst will sie sich von einem Zwang befreien:

„Ich denke mir: Ich muss gar nichts. Irgendwas macht man ja immer, aber nicht wieder irgendeine Firma aufbauen oder ein Gewerbe betreiben oder sich dort oder da engagieren.“

Johanna Rachinger

Einige Aufgaben hatte sie im Jahr vor dem Gespräch bereits abgegeben, um anderen Raum zu geben. Ideen für die Zeit danach habe sie, wolle aber noch nicht darüber sprechen. Sie müssten erst reifen.

Redaktioneller Nachtrag vom 13. Oktober 2026: Johanna Rachingers Funktion an der Nationalbibliothek endete bereits am 25. November 2025. Die Aussagen über den geplanten Abschied Ende 2026 geben ihre Perspektive im damaligen Gespräch wieder. Quelle: Mitteilung der Österreichischen Nationalbibliothek vom 27. November 2025.

Schutzmauern oder Windmühlen

Was sie Menschen über 50 mitgeben würde, die sich beruflich verändern wollen oder müssen? Johanna Rachingers Antwort: keine Angst vor Veränderung. Sie selbst habe Veränderungen immer als sehr positiv erlebt, als Gelegenheit, Neues zu lernen und Dinge zu sehen, die vorher nicht sichtbar waren. Für viele sei Veränderung aber schwierig; manchmal reiche es schon, einen Schreibtisch vom einen Fenster zum anderen zu schieben. Sie zitiert ein chinesisches Sprichwort:

„Wenn der Wind der Veränderung weht, dann bauen die einen Schutzmauern und die anderen Windmühlen. Man kann eigentlich nur raten, dass man sich dorthin begibt, wo die Windmühlen sind.“

Johanna Rachinger

Als Beispiel nennt sie die künstliche Intelligenz: Wer beruflich mithalten wolle, müsse sich damit beschäftigen und dazulernen.

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Carinas Blick

Johanna verbindet Freude an der Arbeit mit dem Wunsch, unabhängig zu sein. Und für die Zeit danach wollte sie sich im Gespräch noch keinen fertigen Plan abverlangen.

Wenn du über deinen nächsten beruflichen Abschnitt nachdenkst: Welche Aufgaben würden dir Freude machen, und wie viel Raum soll Arbeit künftig haben? Solche Fragen können wir im Karrierecoaching klären, bevor du dich auf einen neuen Weg festlegst.

Karrierecoaching mit Carina Felzmann

Transkript

Transkript: Carina Felzmann im Gespräch mit Johanna Rachinger

Automatisch erstellt und redaktionell bearbeitet. Es gilt das gesprochene Wort.

Carina Felzmann

Buongiorno und herzlich willkommen beim Podcast Nonna: Restart, eine berufliche Heldinnenreise 50+. Mein Name ist Carina Felzmann, ich bin die Reisebegleiterin für diesen Podcast. Schön, dass du heute hier bist.

Ich freue mich sehr, dass ich heute bei mir im Studio Dr. Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, begrüßen kann. Herzlich willkommen, Johanna.

Johanna Rachinger

Ja, vielen herzlichen Dank für die Einladung, Carina.

Carina Felzmann

Schön, dass es geklappt hat, dass du heute hier bist. Wir kennen uns ja schon etwas länger. Du hast inzwischen viele Dinge in der Nationalbibliothek umgesetzt. Bevor wir dazu kommen, lass uns doch ein bisschen dahinter schauen. Ich fange den Podcast immer so an: Wie alt sind meine Interviewpartnerinnen – mit dem Gedanken, 50 plus ist die Hürde für die Teilnehmerinnen. Woher kommen die Teilnehmerinnen? Haustiere? Wie ist die Situation? Damit man ein bisschen privat auch den Menschen hinter der Funktion und dem Beruf kennenlernt.

Johanna Rachinger

Ich bin 65 Jahre alt, also schon einiges über 50 plus, und arbeite noch sehr, sehr gerne, obwohl ich das gesetzliche Pensionsalter doch schon um einiges überschritten habe. Ich kann nur allen empfehlen, wenn sie die Möglichkeit haben, etwas länger zu arbeiten: Das macht Freude. Natürlich ist mir bewusst, dass das auch immer von der Art der Tätigkeit abhängt, dass es Berufe gibt, die körperlich sehr anstrengend sind. Da ist das dann natürlich etwas anderes.

Ich bin in Oberösterreich im Mühlviertel geboren, in einem kleinen Ort. Ich bin dort aufgewachsen mit sechs Geschwistern, ich war die Vorletzte. Meine Eltern hatten ein Gasthaus, die waren dort der Kirchenwirt. Und dieses Aufwachsen in diesem Gasthaus hat mich, aber ich denke auch meine Geschwister, schon sehr geprägt, weil man in so einem Familienbetrieb einfach sehr stark eingebunden ist, weil man auch mithelfen muss. Ich habe sehr früh gelernt, mich mit Gästen zu unterhalten. Man lernt dann das, was man heute Smalltalk nennt. Und ich glaube, dass mich das auch in meiner weiteren beruflichen Tätigkeit geprägt hat: wie ich agiere, wie ich mit Menschen umgehe, wie ich auf Menschen zugehe. Da war dieses Aufwachsen schon prägend.

Carina Felzmann

Jetzt ist es insofern sehr spannend – im Mühlviertel aufgewachsen, mein Vater wohnte im Mühlviertel, ich kenne das ein bisschen –, dass man dann auf die Idee kommt, Theaterwissenschaften und Germanistik zu studieren. Jetzt bist du offenbar nicht so von deinen Eltern in diese Richtung geprägt worden. Woher kam das?

Johanna Rachinger

In meiner Familie ist immer viel gelesen worden, auch wenn meine Eltern viel gearbeitet haben. Sie haben sich immer – und da waren sie auch ein Vorbild – in der Pfarrbücherei ihre Bücher geholt. Vor allem mein Vater, der hat sehr viel auch in der Nacht gelesen, ein bisschen zum Leidwesen meiner Mutter. Aber Lesen war bei uns durchaus gern gesehen. Und mein Vater hatte – ich kann mich noch gut erinnern – in der Gaststube oben hinter einem Glasschrank, neben den Schnapsflaschen, Meyers Lexikon, die grüne Ausgabe in 24 Bänden. Und wenn am Stammtisch eine Frage aufgetaucht ist, wo man sich nicht einig war, dann hat mein Vater immer gesagt – und dieser Satz ist mir im Kopf geblieben –: „Na warte, da schauen wir kurz im Lexikon nach.“ Und dann hat er einen Band heruntergeholt und am Stammtisch kurz vorgelesen, was zu dem Thema im Lexikon steht. Und da habe ich schon bemerkt, dass man aus Büchern schlau wird.

Wir haben in unserem Wirtshaus auch einen Saal gehabt. In diesem Saal wurde auch Theater gespielt. Wir hatten ein fahrendes Kino, das regelmäßig gekommen ist. Wir hatten den ersten Fernseher im Ort, wo die Leute sich bestimmte Filme auch angeschaut haben. Und das hat mich schon auch kulturell geprägt, und da gab es eben auch diese Vorbilder in einem ländlichen Bereich. Unser Ort hatte zum Beispiel einen herausragenden Kirchenchor, wirklich, wirklich toll. Die haben Mozartmessen gesungen und so. Ja, das hat mich geprägt. Ich habe zwar dann eine Handelsakademie besucht, mich aber nichtsdestotrotz nicht für ein Wirtschaftsstudium, sondern für Germanistik und Theaterwissenschaften entschieden, weil ich eben diese Affinität zu Kultur und zu Büchern schon hatte.

Carina Felzmann

Also das Buch war dann auch in der Folge dein Leben: verschiedene Verlage, in denen du aktiv warst, Ueberreuter, Geschäftsführerin und, und, und. Und das war dann schon der rote Faden durch dein Leben, richtig?

Johanna Rachinger

Das kann man tatsächlich so sagen. Ich habe mir, nachdem ich mein Studium beendet hatte, immer gewünscht, zum einen natürlich einen Beruf zu haben, um finanziell unabhängig zu sein. Das war schon auch diese feministische Prägung, die ich in mir spüre und immer noch habe. Und auch einen Beruf, der mir natürlich Freude macht. Das wünscht sich ja ein jeder. Und bei mir sollte es eben etwas mit Büchern zu tun haben. Meine erste berufliche Station war der Wiener Frauenverlag.

Carina Felzmann

Da bist du auch ausgezeichnet worden, glaube ich. War das die Zeit, oder war das dann später?

Johanna Rachinger

Nein, das war dann später. Das war dann später. Dort habe ich begonnen. Da konnte ich eben diese beiden Aspekte, das Frau-Sein und diese feministische Ausrichtung, schon auch ausleben, weil der Frauenverlag ja gegründet wurde, um Bücher von Frauen, vor allem auch für Frauen zu machen. In so einem kleinen Verlag macht man alles. Ich habe mich sehr auch auf die Buchhaltung gestürzt, weil mich die Zahlen auch immer interessiert haben. Lektorat, Öffentlichkeitsarbeit – in der Früh haben wir eingeheizt, Holz geholt, Kohlen geholt. Das war damals noch, 1986, das, was wir zu tun hatten, und das haben wir mit viel Einsatz und Freude und Engagement gemacht.

Dann bin ich nach Salzburg gegangen zum Österreichischen Bibliothekswerk und dann wieder nach Wien, damals zum Ueberreuter Verlag, das war der größte österreichische Buchverlag. Und dort bin ich nach zweieinhalb Jahren auch Geschäftsführerin geworden. Da war ich knapp zehn Jahre. Dann kam ich in die Österreichische Nationalbibliothek.

Carina Felzmann

Womöglich war ja dieses vorhergehende Engagement bei Ueberreuter auch ein Grund für diese Position. Du hattest dich wirtschaftlich bewiesen, du kannst mit Zahlen umgehen, du hast den Verlag erfolgreich geführt. Was ja sehr wesentlich war, gerade kurz vor der Ausgliederung des Museums: Affinität zum Buch ist die eine Seite, und gleichzeitig brauchen wir aber jemanden, der das Haus führen kann, oder?

Johanna Rachinger

Ja, das war tatsächlich auch für mich ein wesentlicher Aspekt. Mich hat diese Ausgliederung der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Bundesverwaltung sehr interessiert, also dass eben nicht mehr kameralistisch verwaltet wird, sondern dass man als öffentlich-rechtliche Institution ein Haus in dieser Form führen kann und doch sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten hat. Das war ich natürlich auch von der Privatwirtschaft gewohnt.

Und in diesen ganzen Phasen bin ich auch schon draufgekommen, dass mich die wirtschaftlichen Bereiche sehr interessieren. Da hatte ich natürlich einen Vorteil durch meinen Besuch einer Handelsakademie, aber Zahlen – ich glaube, da bin ich einfach gut. Ich merke mir Zahlen, ich erkenne sofort, wo der Hund drinnen ist oder wenn da irgendwas nicht stimmt oder falsch addiert ist. Ich war auch in der Schule zum Beispiel in Kaufmännischem Rechnen sehr, sehr gut. Und diese Kombination – das habe ich ja schon beim Ueberreuter Verlag leben dürfen –: einerseits mit diesem Kulturgut Buch umzugehen, auf der anderen Seite aber auch Abnehmer zu finden, es zu verkaufen, zu vertreiben, Märkte zu erschließen, also diesen wirtschaftlichen Aspekt mit einzubringen. Das hat mir wirklich Freude gemacht. Und ich habe dann auch erkannt, dass sich durch die Ausgliederung bei der Österreichischen Nationalbibliothek eben auch so eine Kombination ergibt.

Carina Felzmann

Und man sieht es ja, der Erfolg gibt dir recht zum Thema Zahlen. Die Besucherzahlen sind steil nach oben gestiegen. Du bist jetzt noch ein gutes Jahr oder so, glaube ich, hier im Engagement. Und was uns natürlich sehr interessiert: Du bist jetzt in Aufsichtsräten, du bist in diversen anderen Räten und Stiftungen daneben engagiert. Und was wird dann kommen? Gibt es eine Idee, gibt es einen Ruf des Abenteuers für das Leben nach der Nationalbibliothek?

Johanna Rachinger

Das ist ganz erstaunlich, dass man diese Frage, seit klar ist, dass ich Ende 2026 aufhören werde, und je näher dieses Datum rückt, von ganz vielen Menschen gestellt bekommt. Und ich weiß auch von Freunden, von Bekannten, die bereits diesen Sprung in die Pension gemacht haben, dass sie gesagt haben: Man wird ständig gefragt, und was machst du jetzt? Es gibt welche unter meinen Freunden, die machen noch etwas, was irgendwo mit ihren früheren Tätigkeiten zu tun hat, in einem geringeren Ausmaß. Und es gibt welche, die machen etwas ganz anderes, oder sie machen gar nichts. Gar nichts im Sinne von: Die genießen das Leben, die genießen auch ein bisschen Faulenzen, die haben vielleicht einen Garten, gehen täglich ihre 10.000 Schritte, kochen gut und treffen sich mit Freunden oder wie auch immer.

Ich glaube – und davon möchte ich mich befreien –, dass ich diesen Zwang, dass ich etwas machen muss, von mir schiebe. Ich denke mir: Ich muss gar nichts. Irgendwas macht man ja immer, aber nicht wieder irgendeine Firma aufbauen oder ein Gewerbe betreiben oder sich dort oder da engagieren. Ich lasse es auf mich zukommen. Ich habe, wie du ja gesagt hast, einige Aufgaben, die ich wahrscheinlich mitnehmen kann und die ich auch gerne mache. Ich habe mich aber auch schon von einigen Aufgaben verabschiedet. Das habe ich im letzten Jahr gemacht, weil ich mir gedacht habe, man muss auch Dinge wieder abgeben können, die man schon viele Jahre gemacht hat, und auch wieder andere ranlassen. Das finde ich sehr angenehm, weil ich dadurch in meiner Freizeit – bestimmte Dinge kann man ja nur in seiner Freizeit machen – auch mehr entlastet bin. Und was dann auf mich zukommt, das lasse ich mir noch ein bisschen offen. Und ehrlich gesagt, auch wenn ich schon die eine oder andere Idee habe, möchte ich noch nicht darüber sprechen.

Carina Felzmann

Alles gut. Ich bin insofern sehr interessiert, wie diese Gestaltung aussieht. Es gibt ganz unterschiedliche Konzepte, so wie du es angesprochen hast. Ich habe gestern bei einer Veranstaltung einen Forscher, einen Wissenschaftler getroffen, der hat sich mit 82 Jahren vorgestellt. Und er fliegt in der Weltgeschichte herum und ist einfach erfüllt von seiner Tätigkeit. Für mich war das insofern faszinierend, genauso wie im Interview mit einer anderen Interviewpartnerin mit 84, Eva Wazda, die Jungunternehmerin ist. Beide haben sehr viel Energie ausgestrahlt und gemeint, sie können es sich nicht vorstellen. Ich weiß es auch noch nicht, wie es weitergeht. Darum bin ich ja gespannt und interessiert, wie andere denken, welche Lebenskonzepte es gibt und wie die einen und die anderen es anpacken. Und es ist natürlich legitim, zu sagen: Schauen wir mal, was da kommt, und jetzt mache ich mal.

Johanna Rachinger

Schauen wir mal, was da kommt, und jetzt mache ich mal – aber auch die eine oder andere Idee. Aber ich finde, so etwas muss auch reifen. Und ich bin noch so stark in meinem Beruf verankert, und das werde ich bis zum letzten Tag, bis zum 31. Dezember 2026, sein. Das habe ich mir auch vorgenommen. Ich mache es auch noch mit großer Freude, aber ich weiß auch, dass ich dann mit ebenso großer Freude in einen neuen Lebensabschnitt gehe. Aber das kommt erst. Und jetzt bin ich noch da, wo ich bin.

Carina Felzmann

Fokussiert.

Johanna Rachinger

Und total fokussiert noch, ja.

Carina Felzmann

Wir haben vorher kurz über deine Familie gesprochen und deine Situation des Großwerdens. Würdest du sagen, dass du bestimmte Werte von deiner Familie mitgenommen hast, die dich dann auch beruflich geprägt haben?

Johanna Rachinger

Na selbstverständlich, man kriegt immer irgendwelche Werte mit. Und die Werte, die ich mitbekommen habe, waren bürgerlich-christliche Werte: dass man einfach seine Arbeit machen muss, dass man Leistung zu erbringen hat, dass man, wenn man wohin gestellt wird, auch etwas machen muss. Aber auch Werte wie Nächstenliebe, Rücksichtnahme – gerade wenn man mit vielen Geschwistern aufwächst, ist das ein wesentlicher Aspekt. Und meine Eltern haben uns schon vorgelebt, wie man ein Leben zu führen hat, dass man einfach ein anständiger Mensch ist.

Carina Felzmann

Würdest du sagen, dass du mit deiner Funktion in der Nationalbibliothek deine Berufung gefunden hast?

Johanna Rachinger

Also Berufung würde ich nicht sagen, weil ich gar nicht weiß, ob ich eine Berufung spüre oder habe. Ich hätte jetzt mit 26 nicht gewusst, dass ich mich berufen fühle, in die Nationalbibliothek zu gehen. Das hat sich immer ergeben. Man macht etwas, und dann kommt etwas anderes, dann wird man angesprochen oder motiviert, sich irgendwo zu bewerben oder eine neue Aufgabe zu übernehmen. Aber so eine Berufung, denke ich mir, haben eher Menschen, die Priester werden wollen oder wo es vielleicht auch um spirituelle Themen geht. Ich habe nie eine Berufung zu irgendetwas verspürt, sondern, wie gesagt, mein Thema war immer: Ich will arbeiten, ich will finanziell unabhängig sein und eine Freude mit meiner Arbeit haben.

Dass ich dann so schnell auch Führungskraft geworden bin – bei Ueberreuter, das war der größte österreichische Verlag, ich habe es schon gesagt, da war ich 35, also für damalige Zeiten noch sehr jung; heute hat sich das ja auch ein bisschen geändert –, da habe ich dann schon gemerkt, dass mir das Freude macht, bei allen Herausforderungen gerade zu Beginn. Denn führen muss man auch lernen, das kann man nicht von einem Tag auf den anderen. Aber diese Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, gestalten zu können, Ziele zu setzen und mit einem Team zu schauen, sie auch zu erreichen – dass das wirklich funktioniert, ist großartig, und dass ich das wirklich gerne mache.

Carina Felzmann

Was mich noch interessiert, ist dein Engagement für Frauen, Frauen, die sich beruflich engagieren. Hast du in deiner Karriere, auf deinem beruflichen Lebensweg, dieses Thema der gläsernen Decke sehr gespürt? War das da? Ich meine, du warst die zweite Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. War da der Weg schon aufbereitet, oder hast du erkannt, da gibt es schon noch Dinge zu tun? Denn dein Engagement hat ja schon vorher angefangen, im Wiener Frauenverlag.

Johanna Rachinger

Mir waren Frauenthemen immer wichtig, weil ich auch in einer Zeit studiert und zu arbeiten begonnen habe, wo es noch nicht so selbstverständlich war, dass Frauen zum Beispiel in Führungspositionen kommen, dass Frauen Vollzeit arbeiten. Es haben natürlich schon viele Vollzeit gearbeitet, aber es ist schon noch immer so – zumindest haben uns das Frauen erzählt, die Kinder haben –, dass sie ein bisschen schief angeschaut werden, wenn sie ganztags arbeiten gehen und das mit den Kindern irgendwie anders organisieren oder vielleicht sogar der Mann zu Hause bleibt. Da gab es schon noch Hürden.

Eine Freundin hat mir erzählt, die war in einer Führungsposition und hatte einen kleinen Sohn zu Hause. Und wenn dann um 17 Uhr noch Meetings angesetzt waren, hat sie manchmal sagen müssen: Es geht nicht, sie muss den Sohn vom Kindergarten abholen. Und dann hat ihr einmal irgendjemand geraten: Weißt du was, sag nicht, du musst den Sohn abholen, sondern sag, du musst das Auto abholen. Da wird viel mehr Verständnis da sein. Und sie hat sich das dann so angewöhnt und gemeint, das war dann tatsächlich einfacher, als wenn man sagt, man muss das Kind vom Kindergarten abholen. Also da gab es viele Themen. Und das hat mich schon bewegt, und da habe ich eine ganz klare Haltung und Einstellung gehabt, wie ich mich da einbringen kann.

Bei uns in der Österreichischen Nationalbibliothek – und das habe ich auch davor schon gemacht, als ich als Führungskraft die Möglichkeit hatte – habe ich bei Bewerbungen, auch für Führungspositionen, bei gleicher Qualifikation immer die Frau genommen. Ich habe auch Männer besetzt, so ist es nicht. Es ist ganz unterschiedlich, einmal ist ein Mann besser qualifiziert. Aber es gibt sehr viele – und das war meine Erfahrung –, sehr viele sehr gut qualifizierte Frauen. Man kann fast aus dem Vollen schöpfen. Und ich freue mich sehr, dass es uns an der Österreichischen Nationalbibliothek durch diesen Weg wirklich gelungen ist, dass wir mittlerweile fast 50 Prozent Frauen in Führungspositionen haben. Das funktioniert wunderbar, läuft wunderbar.

Also ich habe schon immer geschaut, dass ich Frauen fördere. Und auch wenn ich jetzt an meine Nachfolge denke – das werde nicht ich bestimmen, das ist eine politische Entscheidung –, es gäbe im Haus Frauen, die sofort nachfolgen könnten. Ich denke auch, dass es schon einen Unterschied macht, ob man bewusst hinschaut, bewusst fördert oder einfach sozusagen nimmt, was kommt. Also diesen Weg, diese Entscheidung, bei gleicher Qualifikation der Frau den Vorzug zu geben, ist sicher eine sehr gute Strategie, die man sehr gerne auch an andere weitergeben kann.

Carina Felzmann

Thema Weitergeben. Wenn du dir jetzt ein Auditorium von Menschen 50 plus vorstellst, die sich womöglich beruflich verändern wollen oder müssen: Was würdest du weitergeben – einen deiner zahlreichen Gedanken, basierend auf deiner sehr umfangreichen Erfahrung mit ganz vielen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen? Was kommt dir, was würdest du weitergeben?

Johanna Rachinger

Zum einen fällt mir dazu spontan ein, weil ich es auch oft anders erlebe, dass man keine Angst vor Veränderung haben soll. Ich habe Veränderungen – und das weiß ich auch von anderen, die mir dann berichten – immer als etwas sehr, sehr Positives erlebt. Als etwas, wo man wieder Neues lernt, wo sich Dinge auftun, die man vorher so gar nicht gesehen hat. Und man erlebt schon oft, dass Veränderung für viele sehr schwierig ist, dass sie sehr schwer damit umgehen können. Da reicht es oft, wenn man einen Schreibtisch von dem einen Fenster zum anderen schiebt – das kann für manche schon eine ganz schwierige Situation sein. Es gibt so ein schönes chinesisches Sprichwort, das heißt: Wenn der Wind der Veränderung weht, dann bauen die einen Schutzmauern und die anderen Windmühlen. Man kann eigentlich nur raten, dass man sich dorthin begibt, wo die Windmühlen sind.

Carina Felzmann

Gut, und jetzt gibt es die, von denen du gesagt hast, die sich verändern wollen oder auch müssen.

Johanna Rachinger

Ja. Und da meine ich einfach: keine Angst haben, es annehmen und sich auf Neues einlassen. Das ist manchmal nicht einfach, weil man dazulernen muss, weil man in neue Bereiche hineinstößt. Wenn ich jetzt nur an all die Themen denke, die mit der künstlichen Intelligenz auf uns zukommen, wo wir uns wirklich alle auch weiterbilden müssen – da kommt wieder dieses lebenslange Lernen hinein, wo man einfach dranbleiben muss. Denn wenn man das nicht tut, dann wird man in fünf Jahren irgendwie auf verlorenem Posten sein, zumindest in vielen beruflichen Bereichen. Und das einfach auch zu erkennen und sich dem dann auch zu stellen, das ist, glaube ich, eine ganz wichtige Sache.

Carina Felzmann

Liebe Hörerinnen und Hörer, ihr habt die Botschaft gehört: auf der einen Seite lebenslanges Lernen, auf der anderen Seite den Wind womöglich für die eigenen Windmühlen nutzen. Keine Angst vor Veränderung. Liebe Johanna, ich wünsche dir alles, alles Gute für deinen weiteren Weg, für dein nächstes Kapitel, womit auch immer du dieses füllen mögest. Alles, alles Gute, vielen Dank für deine Zeit, für deine Insights, und bis zum nächsten Mal.

Johanna Rachinger

Danke, Carina, für die Einladung. Es hat mir sehr viel Freude gemacht. Dankeschön.

Carina Felzmann

Wunderbar. Ciao.

Über Johanna Rachinger

Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Dr. Johanna Rachinger Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek; zuvor war sie unter anderem Geschäftsführerin des Ueberreuter Verlags. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaften und begann ihre berufliche Laufbahn im Wiener Frauenverlag.

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Über Carina Felzmann

Carina Felzmann ist Coachin und Trainerin für Kommunikation und soziale Intelligenz. Sie hat 25 Jahre lang eine eigene Marketing- und PR-Agentur geführt, war in der Politik tätig und ist heute Vortragende und Podcasterin. In „Nonna: Restart!“ spricht sie mit Menschen über ihren beruflichen Neubeginn – und ist selbst Nonna von drei Enkelkindern.

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